18. Dezember 2020

Portrait: Freiwilligendienst in Zeiten von Corona

Sven Legens

"Eigentlich alles..." antwortet Sven Legens auf die Frage, was sich mit Corona in seinem Freiwilligendienst geändert hat. Vor Corona hatte er im Augusta-Seniorenheim in Bochum-Linden Betreuungsangebote für Bewohnerinnen und Bewohner begleitet. Dann übernahm er für mehrere Monate den Dienst am Empfang, um die Bewohner*innen vor Infektionsrisiken zu schützen. Und vermisste sofort den Kontakt zu den alten Menschen. Aber dann gewann er der neuen Aufgabe zunehmend etwas ab. Ein persönlicher Rückblick auf einen Freiwilligendienst in Corona-Zeiten. 

Weitere Informationen

Portrait

Christian Kröll leitet das Augusta-Seniorenheim in Bochum-Linden

„Sven ist ein großer Gewinn für unsere Einrichtung“, erzählt Altenheimleiter Christian Kröll. „Er arbeitet sehr eigenständig und bringt viele gute Ideen mit. Wenn ich mich mit Sven unterhalte, merke ich: Es lohnt sich immer, sich für die Freiwilligen Zeit zu nehmen und zuzuhören.“ 


 

Freiwilligendienst in Zeiten von Corona

Vor Corona

Die Arbeit im Altenheim hatte er sich bewusst ausgesucht. "Natürlich weiß ich, dass die meisten irgendwann hier sterben, und das ist auch für mich schwer zu erleben", meint er. Aber er möchte „helfen, dass alte Menschen auf den letzten Metern ihres Lebens noch eine schöne Zeit haben und Freude erleben". 

Das war ihm leicht gefallen. Das Zusammensein mit den alten Menschen empfand er als bereichernd. "Ich hatte nette Menschen hier um mich, sympathische Menschen, ich habe hier Freundinnen und Freunde gewonnen", erzählt er von seiner Arbeit. Er liebte diese Arbeit sehr.
 

Vor dem Eingang eine alte Frau

Der Eingang zum Augusta-Seniorenheim

Seit Corona

Mit Corona wurde alles anders. Das Augusta-Seniorenheim ist normalerweise ein offenes Haus. Einen bewachten Empfang gab es hier nicht. Als Ende März 2020 erste strenge Kontaktbeschränkungen für Altenheime eingeführt wurden, musste schnell umorganisiert werden. Sven erklärte sich bereit, diese wichtige und wie ihm anfangs schien undankbare Aufgabe zu übernehmen. "Für mich war das schon doof, dass ich jetzt am Empfang saß. Oben sind die Bewohnerinnen und Bewohner, die auch da sitzen und ausharren, und unten ist der Bufdi, der ausharrt. Das war für niemanden schön in dem Moment, auch für mich nicht“, erinnert er sich. Der Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern fehlte ihm.
 

Sven Legens am Eingang, hinter einer offenen Plexiglasscheibe

Zum Schutz der Bewohner*innen: Freundliche Aufsicht am Empfang

Kleine Innovationen und neue Kontakte

Da die Tür im Altenheim tagsüber immer offen gewesen war, gab es noch nicht einmal eine Klingel, nur eine Nachtglocke, die mit der ersten Etage verdrahtet war, wo der Nachtdienst sie hören konnte. Sven kam auf die Idee, eine Funkklingel anbauen zu lassen. Das hatte den Vorteil, dass er dann mit der Tonbox in der Tasche den Empfangsbereich verlassen konnte, beispielsweise um mit Bewohner*innen zu reden. 

„Nach einiger Zeit durften wir langsam wieder Besucher reinlassen, mit Temperatur messen und Gesundheitszustand abfragen. Und da hat es dann angefangen, so langsam wieder Spaß zu machen“, erzählt Sven. Angehörige kamen, die Dinge abgaben, nach ihrer Mutter oder ihrem Vater fragten oder über ihre Sorgen redeten. 
 

Einblicke in das Leben vor dem Internet

Und nach und nach gab es auch wieder mehr Kontakt zu den Bewohner*innen. „Eine Bewohnerin von uns bestellt häufiger Pakete, seit Corona noch mehr. Das kennen wahrscheinlich die meisten nicht mehr, aber die hat noch einen Otto-Katalog“, staunt Sven. Und freut sich mit der Bewohnerin, wenn etwas ankommt. „Meistens weiß sie zwar, was in den Paketen drin ist, manchmal ist sie sich aber nicht sicher. Dann raten wir gemeinsam und machen das Paket zusammen auf“, erzählt Sven. "So habe ich das Beste aus meiner Zeit am Empfang gemacht", meint Sven, "und konnte das auch, weil ich hier sehr frei entscheiden kann, wie ich arbeite. Und ich weiß, dass man mir vertraut und mich machen lässt". 
 

Svens Waffeltag

Inzwischen ist Sven wieder in der sozialen Betreuung oben im Wohnbereich. Ein Highlight ist „Svens Waffeltag“. „Wir müssen natürlich alle Regeln einhalten und dürfen keine Veranstaltungen durchführen. Aber Waffeln machen geht noch“, erzählt Sven. Einmal in der Woche wird gemeinsam gebacken. „Wir machen Musik dazu an, machen unsere Späße. Und meistens bleiben genug Waffeln übrig, dass das ganze Haus etwas davon haben kann“, erzählt er. Vor Corona war das noch schöner, erinnert er sich, wenn Angehörige dabei waren. Da konnten alle auch noch gemeinsam singen. Sven mag es, „wenn alle so innig zusammen sind, so wie eine kleine Familie“.

Nach Corona?

Viel Sorgen macht Sven sich um die alten Menschen, die unter den Kontaktbeschränkungen leiden. "Das tut mir persönlich sehr leid, das tut allen hier leid", erklärt er. "Ich gehöre vielleicht zu denen, die noch am wenigsten unter dieser Krise leiden, weil, wenn ich Feierabend habe, komme ich noch raus. Das fehlt vielen hier." Dabei schränkt Sven, der einen großen Bekanntenkreis hat, seine Kontakte gerade extrem stark ein, um das Risiko für die alten Menschen gering zu halten. Gemeinsam mit den alten Menschen hofft Sven so auf bessere Zeiten. „Auch wenn die Zeit gerade für uns hart ist und für jeden eine schwere Belastung, kann man trotzdem sagen, dass da ein Funke positiver Energie da ist, dass wir das alle gemeinsam überleben“, erzählt er. Und er freut sich über den Optimismus der alten Menschen: „Ich spüre bei den Bewohnerinnen und Bewohnern viel Zuversicht und Hoffnung, dass die Krise vorübergeht und das Leben bald wieder normal wird".

Bericht: Christian Carls