16. Dezember 2020

Freiwilligendienste in Zeiten von Corona

Mathias Schmitten: Rückblick auf 2020

„Als ich Anfang Oktober letzten Jahres die Leitung im Zentrum Freiwilligen übernommen hatte, hatte ich mit anderem gerechnet. Und dann kam Corona. Viele Pläne, die ich im Vorfeld hatte und die Erwartungen, wie mein erstes Jahr in der Leitung würde, waren plötzlich obsolet“, erzählt Mathias Schmitten. Im Interview blickt er zurück auf das Jahr 2020. 

Weitere Informationen

Freiwilligendienst bei der Diakonie RWL

Mit rund 2.000 Freiwilligen ist die Diakonie RWL bundesweit der größte evangelische Anbieter eines Freiwilligen Sozialen Jahres oder eines Bundesfreiwilligendienstes. Zwischen Ostwestfalen und Saarbrücken unterstützen sie die soziale Arbeit in Schulen, Kliniken, Kitas oder Alten- und Wohnheimen. 95 Prozent von ihnen sind junge Leute zwischen 16 und 26 Jahren. Fast 50 Prozent der jugendlichen Teilnehmer entscheidet sich nach dem Freiwilligendienst für eine Ausbildung oder ein Studium im sozialen Bereich. Bewerbungen sind das ganze Jahr über möglich und willkommen.

Rückblick: Freiwilligendienste 2020

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Wie ging es dann weiter?

Ich glaube, wir haben das im Leitungsteam gut miteinander gemeistert. Und wir haben noch ganz viel vor. Da freu ich mich drauf. Nach einem Jahr kann ich sagen - ich bin wirklich glücklich in meiner neuen Rolle. Das habe ich den engagierten Mitarbeitenden zu verdanken und dem Vorstand, der mich an vielen Stellen unterstützt hat. 

Freiwillige richtet ein Patientenbett

Freiwillige in der Pflege

Auch den Freiwilligen wurde viel abverlangt. Wie haben die Freiwilligen das gemeistert?

Unsere Freiwilligen haben sich mit einer sehr großen Flexibilität in den Einrichtungen eingebracht, auch wenn es mal hoch her ging. Viele haben auch Aufgaben übernommen, die so gar nicht geplant waren, einfach weil es gebraucht wurde und die Fachkräfte in den Einsatzstellen plötzlich anders gebunden waren. Die Freiwilligen haben ganz viel beigetragen in dieser schwierigen Zeit. 
 

Engagement der Einsatzstellen

Und auch den Mitarbeiter*innen in den Einsatzstellen wurde viel abverlangt.

Ich finde es großartig, wie sich unsere Einsatzstellen einsetzen für die Freiwilligen, wieviel Engagement da auch in der Begleitung vor Ort ist. Das ist in der aktuellen Situation gar nicht selbstverständlich, dass man sich die Zeit dafür nimmt, jemanden, der zusätzlich dabei ist, zu unterstützen. Da geben sich unsere Einsatzstellen wirklich viel Mühe, den Freiwilligen einen guten Einstieg zu ermöglichen und das Jahr zu einer guten Erfahrung für den Freiwilligen zu machen. 

Die Mitarbeitenden in den Einrichtungen bekommen aber auch etwas zurück. Sie machen die gute Erfahrung, dass sich junge Leute für ihre Arbeit interessieren und ihnen Wertschätzung für die Arbeit geben. Die jungen Menschen bringen immer einen frischen Wind in die Einrichtungen. Mit ihren eigenen Sichtweisen und Erfahrungen beleben sie die Teams. Und ich glaube, das tut allen Mitarbeitenden, die in den Einrichtungen arbeiten, gerade in der aktuellen Phase ganz besonders gut. 
 

Du hattest einmal den Freiwilligendienst als Kitt für die Gesellschaft bezeichnet. Ist er das auch jetzt?

Die Freiwilligen lernen viel darüber, wie eine Gesellschaft funktioniert und wie Solidarität funktioniert. Die Freiwilligen erleben sozusagen am eigenen Leib, wie die Situation der Menschen in den Einrichtungen ist. Wenn alte Menschen nicht mehr besucht werden können von ihrer Familie, wenn Schülerinnen und Schüler mit Maske auf Distanz zueinander sind. Ich glaube, da gewinnen unsere Freiwilligen nochmal ein besonderes Verantwortungsgefühl für das Miteinander in der Gesellschaft. Das ist ein ganz wichtiger politischer Lerneffekt, den wir da erzielen. 

Wie läuft die pädagogische Begleitung unter Corona-Bedingungen? 

Wir haben schon im März sofort die Infrastruktur dafür geschaffen, dass wir auch digital eine gute Begleitung durchführen können. Unsere Referentinnen und Referenten haben sich total schnell eingearbeitet und über Online-Formate ganz engagiert die weitere Begleitung der Freiwilligen und der Einsatzstellen gewährleistet. Und auch, wenn es manchmal schwierig ist, in digitalen Seminaren über ernste Themen zu sprechen, so haben doch die Freiwilligen damit ein Forum, sich auszutauschen und über ihre aktuellen Sorgen zu sprechen. 

Wie entwickelt sich das Interesse am Freiwilligendienst in Corona-Zeiten? 

Als wir in den ersten Lockdown gegangen sind, haben wir uns viele Gedanken darüber gemacht, wie sich das auf unsere Freiwilligenzahlen auswirken wird. Und jetzt, am Ende des Jahres, können wir sagen: Das Interesse am Freiwilligendienst ist ungebrochen. Wir haben wieder fast 2000 junge Leute, die bei uns einen Freiwilligendienst in diakonischen Einrichtungen begonnen haben, da haben wir sogar ein leichtes Plus gegenüber dem letzten Jahr gemacht. 

Wie ist das geglückt?

Ich glaube, dass wir als Diakonie RWL Freiwilligen ein gutes Arbeitsfeld bieten. Wir haben viele spannende Einrichtungen, in denen Freiwillige tätig sein können. Wir haben eine erstklassige pädagogische Begleitung und eine gute Infrastruktur. Interessierte können sich bei uns melden, haben sofort einen persönlichen Kontakt und wir kümmern uns darum, dass sie wirklich gut in ihren Einrichtungen ankommen. Ich glaube, das zahlt sich in dieser Phase besonders aus, dass Freiwillige uns vertrauen. 

noch mehr jungen Menschen einen Blick in soziale Berufe ermöglichen

Wird sich der Trend im nächsten Jahr fortsetzen?

Wir wünschen uns natürlich, dass wir noch mehr junge Leute und auch lebensältere Leute für den Freiwilligendienst begeistern und noch mehr jungen Menschen einen Blick in soziale Berufe ermöglichen können. Wir werden im Internet und in den sozialen Medien stärker vertreten sein. Und wir haben für die Freiwilligen, die jetzt im Dienst sind, ein » Prämienprogramm aufgelegt. Freiwillige, die neue Freiwillige werben, können da ein kleines Dankeschön von uns erhalten. Außerdem haben wir im nächsten Jahr ein Jubiläum: Der BFD jährt sich dann zum zehnten Mal. Wir werden dazu eine Kampagne machen. 

höheres Taschengeld für freiwillige, stabile Beiträge für Einsatzstellen

Was wird sich noch ändern?

Ich bin froh, dass wir das Taschengeld nochmal anheben können. Statt wie bislang 414 Euro können wir künftig 426 Euro auszahlen. Nicht ändern wird sich der finanzielle Beitrag der Einsatzstellen. Der wird im nächsten Jahr praktisch stabil bleiben. Viele Einsatzstellen haben finanziell und personell eine harte Zeit durchgemacht. Da wollen wir als Diakonie RWL helfen, das etwas abzupuffern. 

Und, ich sage immer wieder: Wir wollen ein freies ÖPNV-Ticket für Freiwillige. Wir möchten, dass die Freiwilligen für ihr Engagement mehr Anerkennung finden. Wir werden solange bei der Politik Lobbyarbeit machen, bis alle Freiwilligen Bus und Bahn kostenlos nutzen können. Denn wir finden, dass Freiwillige das für ihren Einsatz einfach verdient haben. 

Interview: Christian Carls