Klassenclown ade
Susanne Hilbertz, Stiftung kreuznacher Diakonie
„Ela, wo bist du?“, schallt es laut durch den Flur der Wohngruppe in Alt-Bethesda der Stiftung kreuznacher diakonie. Axelle Barraud läuft umher, bis plötzlich die Tür zu den Toiletten aufgerissen wird. Heilerziehungspflegerin und Kollegin Manuela Schwarz und Axelle fallen sich in die Arme. „Schön, dich zu sehen! Alles gut bei dir?!“ – „Logo!“ Wenn die 17-Jährige ihren alten Arbeitsplatz besucht, ist immer alles in Ordnung.
Axelle hat in ihrem freiwilligen sozialen Jahr Menschen mit Behinderung gepflegt. Obwohl seit Ende August das FSJ in Alt-Bethesda abgeschlossen ist, besucht sie mehrmals in der Woche die Bewohner. „Ich vermisse die Gruppe sehr und schaue deswegen oft vorbei. Ist ja zum Glück nur ein Katzensprung“, erzählt die junge Frau. Seit September besucht sie die Berufsbildende Schule der Stiftung kreuznacher diakonie, die nur wenige Minuten von der Wohngruppe entfernt liegt.
Was auf den ersten Blick sehr strukturiert wirkt - erst Realabschluss, dann FSJ, zurzeit Schule für Sozialassistenz, danach Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin – war nicht von Anfang an so geplant. Ursprünglich wollte die gebürtige Französin mit Kindern arbeiten. Schon oft hatte sie in ihrer Heimatgemeinde Obermoschel als Babysitterin gejobbt. Für ihr damaliges Schulpraktikum überredete ihre Mutter sie, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten. „Das war eine große Überwindung. Ich hatte so viel Mitleid mit beeinträchtigten Menschen und wusste nicht, mit ihnen umzugehen.“ Nach zwei Wochen in der Bodelschwingh Schule hatte sich ihr Berufswunsch geändert. Die Dankbarkeit der Menschen und das Gefühl, wirklich helfen zu können, ließen sie nicht mehr los.
Nach ihrem Realabschluss im Sommer 2014 kam Axelle nur auf die Warteliste der Berufsbildenden Schule und begann das FSJ in Alt-Bethesda. In ihrem Freundeskreis waren viele skeptisch, ob sie die Richtige für den Job mit Menschen mit Behinderung ist. „Meine Lehrer und die Klasse sahen mich damals immer nur als Klassenclown und haben mir das gar nicht zugetraut“, erinnert sich die 17-Jährige. „In der Schule habe ich oft Unsinn gemacht und war auch ziemlich faul. Jetzt fühle ich mich dagegen so anders – fast schon erwachsen, obwohl ich erst 17 bin“, lacht Axelle. In dem freiwilligen sozialen Jahr entwickelt sie sich zu einer selbstständigen, jungen Frau.
So lernt sie nach und nach, mehr Verantwortung für die beeinträchtigten Menschen zu übernehmen. Ihr Alltag beginnt um 6 Uhr in der Früh. Mit ihrer Kollegin hat sie zwei Stunden Zeit, die Bewohner zu waschen, anzuziehen und ein gemeinsames Frühstück vorzubereiten. Spätestens um 8 Uhr gehen viele Bewohner zur Arbeit in die Diakonie Werkstätten. Der straffe Zeitplan setzt die Pflegenden unter Druck. „Am Anfang konnte ich mir nicht vorstellen, alles in der kurzen Zeit zu schaffen. Aber ich habe gelernt, die Dinge einzuteilen. Und ich habe immer Unterstützung bekommen, falls es mal knapp wurde.“
Den restlichen Tag verbringt Axelle mit den „Rentnern“ der Wohngruppe. Sie malt, bastelt und spielt mit ihnen. Am liebsten mag sie die sogenannten Kreis-Tage, an denen sie sich einen Bewohner schnappt und mit ihm ins Kino oder einkaufen geht. Worauf beide eben gerade Lust haben. Die Bewohner lieben Axelle mit ihrer quirligen und herzlichen Art. Der jungen Frau liegt es einfach, mit Menschen umzugehen. „Das sollte man auf jeden Fall mitbringen“, sagt sie und ergänzt nach kurzem Zögern: „Man muss selbstbewusst sein und Grenzen zeigen können. Sonst kann man den Job nicht machen.“
Wie bei Axelle ist ein FSJ häufig Plan B. „Bevor man dann gar nichts macht und sich langweilt, rate ich jedem ein FSJ zu machen“, sagt die 17-Jährige. In einem Aushilfsjob im Supermarkt verdiene man vielleicht mehr Geld, aber darum gehe es ja nicht. Man entwickelt sich menschlich und beruflich so viel weiter - und im Lebenslauf wird sich das auch sicher besser machen, ist Axelle überzeugt.
„Man kann es einfach nicht beschreiben, aber jeder einzelne hier gibt einem so viel zurück“, erzählt die 17-Jährige. Deswegen arbeitet sie nun neben dem Schulbetrieb weiterhin stundenweise in einer neuen Wohngruppe in Neu-Bethesda. Ihre Freude an der Arbeit motiviert sie, auch morgens aufzustehen, wenn all ihre Freunde frei haben. Axelle weiß, dass sie auf dem richtigen Weg ist.
Text und Fotos: Paulina Kaup