6. April 2020

Corona-Einsatz für Freiwillige

"Die aktuelle Lage zeigt, wie wichtig die Freiwilligendienste sind"

Ob Krankenhäuser, Altenheime oder Notbetreuung - helfende Hände werden gerade überall gesucht. Freiwillige, deren Dienststellen geschlossen sind, könnten unterstützen – so die Idee von Familienministerin Giffey. "Das ist ein guter Vorstoß. Gerade jetzt wollen sich unsere Freiwilligen engagieren", sagt Mathias Schmitten, Leiter des Zentrums Freiwilligendienste der Diakonie RWL.

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Mathias Schmitten, Leiter des Zentrums Freiwilligendienste der Diakonie RWL

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Familienministerin Franziska Giffey (SPD) schlägt vor, Freiwillige, die gerade nicht arbeiten können, weil ihre Kitas oder Schulen geschlossen sind, in anderen Einrichtungen einzusetzen. Was halten Sie von der Idee einer Plattform, die freigestellte Freiwillige vermittelt?

Eine solche Online-Plattform kann eine gute Möglichkeit sein, freigestellte Bundesfreiwillige und auch Freiwillige im Freiwilligen Sozialen Jahr in eine neue Einrichtung zu vermitteln. Wichtig ist, dass das ganze wirklich freiwillig bleibt. Wer seinen Freiwilligendienst in der KiTa startet, erlebt dort etwas völlig anderes, als die pflegerische Tätigkeit in einem Altenheim oder im Krankenhaus. Nicht jeder ist dafür geeignet. Wir begleiten die Freiwilligen dabei und schauen: Ist das eine Einsatzstelle, die zum Freiwilligen passt?
Auch in dieser besonderen Lage muss den Einsatzstellen klar sein, dass da jemand kommt, den sie unterstützen müssen. Für die Freiwilligen ist das ein neues Arbeitsumfeld und gerade da brauchen sie eine gute Anleitung. Das darf in der aktuellen Phase nicht untergehen.

Grafik mit zwei Personen, dazwischen ein Herz

Auch Freiwillige helfen dabei "den Laden am Laufen zu halten", wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel ausdrückte.  

Wie gehen die Freiwilligen mit dieser Ausnahmesituation um?

Es ist beeindruckend, wie flexibel und engagiert unsere Freiwilligen sind. Natürlich haben sie Ängste und Sorgen - wie wir alle. Viele leben bei ihren Eltern, manche von ihnen gehören zu einer der Risikogruppen. Da ist die Sorge: "Was ist, wenn ich meine Angehörigen anstecke?".
Die große Mehrheit will unbedingt weiterarbeiten. Kaum jemand ruft bei uns an und sagt, dass er oder sie aufhören will. Obwohl viele noch sehr jung sind, begegnen sie dieser Ausnahmesituation mit großer Achtsamkeit und Vorsicht. Dennoch ist die Stimmung gut. Die Freiwilligen können jetzt zeigen, was sie können, sie werden gebraucht. 
Wir finden ihr Engagement wirklich großartig und beeindruckend. Deshalb wollen wir uns für ihren Einsatz bedanken. Aktuell haben wir die "Helden der Krise"-Aktion auf unseren Kanälen in den sozialen Netzwerken gestartet. Dort stellen wir Freiwillige, Ehrenamtliche und Menschen in Voll- oder Teilzeit vor, die sich jetzt in der Corona-Krise für andere engagieren. Zu würdigen, wenn sich Menschen so einsetzen, ist gerade jetzt wichtig.

Wie viele Freiwillige sind derzeit freigestellt?

Aktuell arbeiten rund 2.000 Freiwillige in den Einrichtungen der Diakonie RWL. Viele Freiwillige konnten in den letzten Wochen innerhalb der Träger-Einrichtungen bereits ganz unkompliziert wechseln. Statt in der Schulbetreuung arbeiten sie jetzt zum Beispiel in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung.
Knapp 200 konnten nicht bei ihrem Träger in ein anderes Angebot wechseln. Sie sind im Moment freigestellt, weil ihre Einsatzstellen wegen des Corona-Virus geschlossen sind. Vor allem Schulen und Kindergärten sind da betroffen. Finanziell verändert sich für sie nichts. Das Taschengeld wird weiter bezahlt und auch der Dienst wird ganz regulär anerkannt. 

Sie plädieren dafür, den Freiwilligendienst stärker zu würdigen. 

Die aktuelle Lage zeigt, wie wichtig die Freiwilligendienste sind. Wenn wir den Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Soziale Jahr auch in Zukunft für junge Menschen attraktiv halten wollen, müssen wir mehr Anreize schaffen. Wir setzen uns seit Langem für ein kostenloses Nahverkehrsticket ein. Freiwillige, die jetzt in der Krise in anderen Einsatzstellen arbeiten, müssen ohne Schwierigkeiten und finanzielle Einbußen zu ihren Dienststellen kommen können.
Auch die Kompetenzen, die unsere Freiwilligen erwerben, müssen stärker gewürdigt werden. Der Bund sollte Möglichkeiten finden, diese Kompetenzen offiziell anzuerkennen auch über die Krise hinaus zum Beispiel durch einen erleichterten Zugang ins Studium oder die Berufsausbildung.

Wir sollten die Freiwilligendienste nicht nur als Unterstützung in der aktuellen Krise begreifen, sondern auch an die Zukunft denken. Der Freiwilligendienst ist unsere Chance, um junge Menschen für soziale Berufe zu begeistern. Wir haben überall in Deutschland einen Mangel an qualifiziertem Personal in den pflegerischen Berufen, das merken wir jetzt mehr denn je. Freiwilligendienste können eine Antwort auf den Fachkräftemangeln in sozialen und pflegerischen Berufen sein. Damit das auf lange Sicht gelingen kann, müssen wir es jetzt richtig machen.


Das Interview führte Ann-Kristin Herbst. Fotos: Herbst und Diakonie Deutschland.