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2. Februar 2018

Abschied von Michael Brausch

Vom Einzelkämpfer zum Zentrumsleiter

Über 33 Jahre hat Michael Brausch die Arbeit mit Zivildienstleistenden und Freiwilligen koordiniert, zunächst im Diakonischen Werk Rheinland und später, gemeinsam mit Jürgen Thor, im gesamten Verbandsgebiet der Diakonie RWL. Nun hat sich Michael Brausch in den Ruhestand verabschiedet. Seit dem 1. Februar 2018 ist Jürgen Thor alleiniger Leiter des Zentrums Freiwilligendienste. Ein Rückblick.

Michael Brausch wollte eigentlich Lehrer werden. "Ein gütiger Engel", so sieht er es heute, hat ihn dann aufgehalten - mit einem Einstellungsstopp für Lehrer just in dem Jahr, in dem Michael Brausch sein Studium abschloss. Zu seinem Lebenswerk, dem Aufbau der Freiwilligendienste im Rheinland und - gemeinsam mit Jürgen Thor - im vergrößerten Verbandsgebiet, wäre es sonst nie gekommen. So übernahm der 1953 in Neckarsulm geborene Pädagoge zunächst die Leitung eines Projektes, das die Einsatzmöglichkeiten von arbeitslosen Lehrerinnen und Lehrern in soziale Berufe ausloten sollte. "Von den 52 Teilnehmenden waren nach einem Jahr schon 33 in soziale Einrichtungen vermittelt worden."

1985 wechselte Michael Brausch dann selbst dauerhaft in den sozialen Bereich - zum Diakonischen Werk der rheinischen Kirche. Hier übernahm er Anfang 1986 die Leitung der "Lehrgangsstätte für Zivildienstleistende" in Leichlingen. Als zunächst einzige hauptamtliche Kraft organisierte er dort über viele Jahre mehrwöchge Einführungslehrgänge und Begleitseminare für Zivildienstleistende im Rheinland.

Persönliche Entwicklung

"Es war ganz schwer durchzusetzen, dass Zivildienstleistende als wertvolle Stützen der Gesellschaft und nicht als Drückeberger gesehen werden. Der politische Auftrag war im Prinzip, einen möglichst belastenden Dienst zu organisieren“, erinnert sich Michael Brausch. Der Zivildienst sollte aus Sicht der Politik im Gegenüber zum Wehrdienst nicht zu attraktiv werden. "Wir haben dagegen von Anfang an versucht, ihn so zu gestalten, dass er möglichst gewinnbringend für die Zivildienstleistenden ist", so Brausch. Die Bildungsarbeit sollte nach seinem Verständnis der persönlichen Entwicklung dienen und keine Fortsetzung schlechter Erfahrungen aus der Schule werden. Dieses Bildungsverständnis fand nach langem Kampf am Ende doch noch Eingang in das Zivildienstgesetz. Dort wurde 2009 der Zivildienst als "Lerndienst" definiert. Ein politischer Erfolg, für den sich Michael Brausch und viele seiner Kollegen bei anderen Trägern jahrelang eingesetzt hatten.

Nur zwei Jahre später wurde die Wehrpflicht und mit ihr der Zivildienst abgeschafft. Stattdessen kam der Bundesfreiwilligendienst (BFD), der, wie Michael Brausch erzählt, unter chaotischen Bedingungen eingeführt wurde. "Wir hatten etwa eine Woche Zeit zu entscheiden, ob wir beim BFD mitmachen."  Wichtige Rahmenbedingungen wie die Anerkennung von Einsatzstellen blieben über lange Zeit ungeregelt oder wurden immer wieder neu geregelt. Viele Träger machten da nicht mit. Bildungseinrichtungen für Zivildienstleistende bei Kirchen und Verbänden wurden geschlossen oder übernahmen gänzlich andere Aufgaben.

Nebeneinander

Im Rheinland wie in Westfalen unter Leitung von Jürgen Thor aber war diese Zäsur der Start für ein explosionsartiges Wachstum der Freiwilligendienste. Hilfreich waren dabei eigene Vorerfahrungen mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr schon seit 2004 und die Übernahme der Freiwilligendienste der rheinischen Landeskirche 2007. "Damit gab es eine Struktur, auf die wir nach dem Ende des Zivildienstes weiter aufbauen konnten", erzählt Michael Brausch. Aus rund 200 Freiwilligen im FSJ 2010 wurden über 1.200 im FSJ oder BFD im Rheinland, im gesamten Verbandsgebiet sind es rund 2.000.

Die beiden Arten des Freiwilligendienstes haben unterschiedliche Finanzierungsbedingungen, werden bei der Diakonie RWL aber ohne spürbaren Unterschied für die Freiwilligen gestaltet - ein Schlüssel für den Erfolg, wie Michael Brausch glaubt. Die Plätze können flexibler vergeben werden, und den Freiwilligen ist es egal, welcher Dienstart sie zugeordnet werden. 

Gruppe stehend

Erfolgsrezepte

Ein weiterer Erfolgsfaktor sei das hervorragende, motivierte Team, das das schnelle Wachstum mitgetragen hat. Für ihn und Jürgen Thor in der Leitung sei es nur darum gegangen, das Engagement durch möglichst freie Rahmenbedingungen zu halten - mitten im Wandel des Diakonischen Werks, der Fusion und der Zusammenlegung der Geschäftsstellen der Diakonie RWL in Düsseldorf, betont Brausch.

Auch die schnelle Reaktion auf Bewerbungen zählt der Zentrumsleiter zu den Erfolgsfaktoren. "Bei vielen Trägern konnte man sich früher nur ein- oder zweimal im Jahr bewerben. Wir nehmen hier die Bedürfnisse der Freiwilligen und auch der Einsatzstellen ernst." Dazu gehöre, Freiwillige dann zu vermitteln, wenn sie etwas suchen, egal, ob das im September, Januar oder im Mai ist. "Wir sind da, wenn die Freiwilligen eine Stelle suchen". 

Gefüllte Kirche

Für ihn sei der Freiwilligendienst in erster Linie ein jugendpolitisches Bildungsprogramm, bei dem es um Persönlichkeitsentwicklung und prozessorientiertes Lernen gehe, betont Michael Brausch. "Und da waren wir beharrlich und haben nie geschwankt." Das wesentliche Lernen findet für ihn zwar in der Einsatzstelle statt und in der Begegnung mit Menschen dort. "Aber wenn das nicht in unseren Seminaren begleitet, wertgeschätzt und immer wieder reflektiert würde, gingen viele Lernerfahrungen ungenutzt verloren." Umfragen bei den Freiwilligen zeigen, dass die allermeisten den Dienst bei der Diakonie weiterempfehlen würden. 

Gute Kräfte für die Zukunft

Michael Brausch freut sich über den Erfolg der Freiwilligendienste besonders, weil darüber so viele tolle Menschen in diakonische Einrichtungen kommen.

So geht er mit einem guten Gefühl in den Ruhestand - und ist stolz auf das, was mit seiner Beteiligung entstanden ist. Er hatte – wie Jürgen Thor in Westfalen – 1986 als "One-Man-Show" im Rheinland in der Bildungsarbeit für den Zivildienst begonnen. 2002 wechselte die Geschäftsstelle dann nach Köln-Ehrenfeld, später mit weiter wachsendem Team in die Kartäusergasse, weiter zum Quatermarkt in Köln - bis zum Umzug des Kölner Teams zum neuen zentralen Standort nach Düsseldorf im Dezember 2017. "Ich war damit dorthin zurückgekehrt, wo ich beim Diakonischen Werk begonnen habe", erzählt Michael Brausch. Aber nicht mehr als One-Man-Show, sondern in einem starken Zentrum mit 66 Mitarbeitenden. 

Text und Fotos: Christian Carls