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2. August 2017

Wer macht was bei RWL?

Die Freiwilligendienste in der Diakonie haben viele Umbrüche erlebt. Einst galten die „Ersatzdienstleistenden“ als Drückeberger – heute haben die unterschiedlichen Freiwilligendienste ein hohes Ansehen. Für die Gewinnung von Fachkräften sind sie unverzichtbar. Zusammen mit Michael Brausch leitet JürgenThor das Zentrum Freiwilligendienste bei der Diakonie RWL.

Wenn Borussia Dortmund erfolgreich ist, backt Jürgen Thor schon einmal eine schwarz-gelbe Torte. Zuletzt war er als Bäcker aktiv, als sein Verein im Halbfinale Bayern München aus dem Pokal warf. Diese „echte Liebe“, wie Fans des Dortmunder Kultvereins ihr besonderes Verhältnis zum BVB zu beschreiben pflegen, war dem gelernten Gymnasiallehrer nicht in die Wiege gelegt; er hat sie entdeckt, als er in Dortmund lebte und arbeitete und dort zum Stadionbesucher dieses ganz besonderen Fußballtempels wurde. Jürgen Thor ist aber bei weitem nicht nur Passivsportler, Ausgleich zu den Anstrengungen des Berufs findet der 1954 Geborene beim Triathlon, beim Tennis und beim Tango tanzen mit seiner Frau.

Katholisch, politisch, jugendbewegt

Jürgen Thor ist im tiefsten Münsterland, in Stadtlohn, geboren und in Ahaus aufs Humanistische Gymnasium gegangen. Erst als Erwachsener konvertierte er zum Protestantismus. Als Jugendlicher war er Fähnleinführer bei der katholischen Jugendbewegung. Um 1970 etwa wurden hier intensiv politische Fragen diskutiert. Zwei Flügel dieser politisierten katholischen Jugendbewegung bildeten sich heraus: Etwa zehn junge Menschen machten SPD-Kommunalpolitik, der andere Teil war primär friedensbewegt. Im schwarzen Münsterland galten diese jungen Menschen mit ihren „Willy wählen“-Buttons als „Revoluzzer“. Ansonsten war ein gewisser Udo Lindenberg der lokale Star im Jugendcafé. „Friedensbewegung hieß damals ganz konkret KDV-Beratung“, erinnert sich Jürgen Thor. Der Aufbau von Beratung für Kriegsdienstverweigerer war sein Einstieg in ein Arbeitsfeld, das für sein Berufsleben ganz entscheidend werden sollte.

Sozialer Friedensdienst

Seinen eigenen Zivildienst konnte Jürgen Thor erst nach seinem Ersten Staatsexamen als Gymnasiallehrer für die Fächer Deutsch und Sozialwissenschaften antreten. Beim Sozialen Friedensdienst der Bremischen Evangelischen Kirche war er in einer Kindergruppe aktiv. Dass Jürgen Thor langfristig seinen beruflichen Weg im Bereich der Freiwilligendienste nehmen würde, verdankt sich dann doch weniger einer konkreten Laufbahnplanung als einem kuriosen Zufall. Nach seinem Zivildienst unternahm er eine halbjährige Südamerikareise. Auf dem Rückweg landete er am Hauptbahnhof in Münster, wo er von einem alten Kumpel angesprochen wurde: „Hömma, Jürgen, ich habe da eine Stelle für Dich.“

Von Haus Husen nach Münster

In Hagen-Berchum machte er seinen ersten Einsatz als Bildungsreferent im Zivilen Ersatzdienst beim Diakonischen Werk Westfalen. 1983 wurde er dann pädagogischer Referent in Haus Husen, 1985 Leiter der Bildungsstätte im Dortmunder Süden. Eine Zeit lang wohnte er direkt nebenan. Gelegentlich kamen dann nach Mitternacht auch die jungen Seminarteilnehmer vorbei, weil das Bier alle war. 2005/2006 wurde Haus Husen abgewickelt, die Seminararbeit wurde – ähnlich wie ein Vierteljahrhundert zuvor – wieder in unterschiedlichsten Bildungsstätten in ganz Nordrhein-Westfalen durchgeführt.

Dienste im Umbruch

Bis zur Abschaffung der Wehrpflicht 2011 war der Zivildienst die klassische Alternative für junge Männer, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigerten und nicht zur Bundeswehr wollten. Aber auch wer einen Freiwilligendienst absolvierte, musste weder zum Bund noch zum (früher so genannten) Ersatzdienst. Das Diakonische Jahr der Evangelischen Kirche von Westfalen war und ist bis heute ein Beispiel für einen solchen, einjährigen, Freiwilligendienst. Hier ist die Teilnehmerzahl aber begrenzt. Um steigenden Bewerberzahlen ein passendes Angebot machen zu können, wurde vom Diakonie-Landesverband ein eigener Dienst aufgebaut. Durch diese Pionierarbeit war man konzeptionell gut gerüstet, als die große Umstellung im Freiwilligenbereich durch die Abschaffung der Wehrpflicht kam.

Die weit verbreitete Befürchtung, die Freiwilligen würden fernbleiben, bewahrheitete sich in keinster Weise. Es waren andere Umbrüche, die zu neuen Charakteristika wurden. So wandelte sich der alte Männerüberschuss, der aus der Tradition des Zivildienstes kam, in einen Frauenüberhang: Heute sind zwei Drittel der Freiwilligendienstler Frauen. Im Verbandsgebiet der Diakonie RWL engagieren sich etwa gleich viele Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr wie im Bundesfreiwilligendienst, insgesamt sind es um die 2.000. So positiv das zu werten ist, Jürgen Thor kann sich vorstellen, dass man noch mehr Werbung treiben könnte, etwa durch Besuche in Schulen.

Ü 27

Noch besser bekannt werden könnte auch, dass auch für ältere Menschen ein Freiwilligendienst sehr hilfreich sein kann. Der Ü-27-Dienst erreicht nur fünf Prozent der Gesamtzahl aller Freiwilligen. Für Menschen mit abgebrochenen Berufsbiografien sieht der Pädagoge Jürgen Thor hier große Chancen. Mehr als 50 Prozent der Absolventen finden im Anschluss einen Ausbildungs- oder Studienplatz. Dass Freiwilligendienste nicht nur in der Altenhilfe stattfinden, gehört auch nicht zum Allgemeinwissen; die große Vielfalt und Bandbreite der Einsatzfelder dürfte noch stärker ins Bewusstsein gerückt werden.

BFD mit Flüchtlingen

Seit 2016 neu im Programm ist der „Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug“. Hier bekommen Geflüchtete Einstiegshilfen in Richtung soziale Berufe. Zugleich ist dies ein Angebot für Menschen, die anrufen mit der Frage, ob sie einen Freiwilligendienst machen können, bei dem sie mit Flüchtlingen arbeiten können. Das passiert dann in unterschiedlichen Einsatzfeldern von Kindertageseinrichtungen über Wohngruppen der Jugendhilfe bis zum Offenen Ganztag.

Politische Bildung tut gut

Wie sieht der politische Kopf Jürgen Thor die jungen Menschen von heute? „Politische Bildung tut den jungen Menschen gut“, urteilt er. In der Seminararbeit spielt politische Bildung eine wichtige Rolle. Er weiß auch zu würdigen, dass junge Menschen im Jahr 2017 über besondere Kompetenzen verfügen, die es so früher nicht gab, insbesondere als Netzwerker in den Sozialen Medien hätten die jungen Erwachsenen große Stärken. Eher kritisch sieht er den Rückgang lebenspraktischer Fähigkeiten. Da spielen Eltern, die sich einmischen, eine viel größere Rolle, als das in früheren Jahrzehnten der Fall war.

Freiwillige werden Fachkräfte

Ein freiwilliger Dienst bei der Diakonie ist wie zu Zeiten des Zivildienstes auch heute oft Ausgangspunkt für eine berufliche Karriere im Gesundheits- und Sozialsystem. Gut 40 Prozent der Absolventen finden hier den Einstieg in langjährige berufliche Wege zugunsten von Hilfebedürftigen. Die Freiwilligendienste sind ein wesentlicher Faktor für die Fachkräftegewinnung in Zeiten des (drohenden) Fachkräftemangels. Wenn die jungen Menschen als Freiwillige unbefangen in die Institutionen kommen, erleben sie sehr unterschiedliche diakonische Kulturen.

Die Freiwilligen hinterfragen Vieles in den diakonischen Einrichtungen kritisch – und bringen zugleich viel frischen Wind.

Zahlen, Daten, Fakten

Im Jahre 2017 haben bei der Diakonie RWL
950 Freiwillige ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) geleistet, davon
20 im Programm „Sozial Benachteiligte“ und
900 Freiwillige einen Bundesfreiwilligendienst (BFD), davon
70 einen Bundesfreiwilligendienst über 27 Jahre (Ü27),
60 in der Arbeit mit Flüchtlingen
20 als Flüchtlinge im Sonderprogramm „BFD ohne Grenzen“
12 als Incomer (für den Freiwilligendienst aus dem Ausland eingereist).
Zusätzlich entsendet das Zentrum 12 Freiwillige im Programm „weltwärts“ nach Nicaragua und Panama.

Das Zentrum Freiwilligendienste hat die Freiwilligen individuell und in Seminaren begleitet und fortgebildet, insgesamt wurden 250 Wochenseminare durchgeführt, einige davon als Exkursion zum Beispiel nach Auschwitz oder als integrative Veranstaltung auf einen Reiterhof.
Zusätzlich wurden zahlreiche Einzeltage durchgeführt, gesonderte Seminartage für das Programm BFD Ü27, besondere Seminartage für die Flüchtlinge und die Incomer, Nachholer- und Verlängererseminare, Seminartage für Benachteiligte und Ausreiseseminare für die „weltwärts-Teilnehmenden“.
Mit den Kirchenkreisen Dortmund, Recklinghausen, Lippe, Siegen, Saar und Duisburg gibt es Kooperationen, das heißt ein Teil der Begleitung wird vor Ort wahrgenommen.

Text: Reinhard van Spankeren