1. September 2020

Freiwilligendienst in Zeiten von Corona

Michelle Pokriefke

Mein Name ist Michelle, ich bin 19 Jahre alt und habe gerade mein Freiwilliges Soziales Jahr abgeschlossen. Meine Einsatzstelle war eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Mönchengladbach-Rheydt. Die ersten sechs Monate waren schon sehr ereignisreich, dachte ich zumindest. Doch danach ist noch einiges passiert.

Weitere Informationen

Arbeiten mit Assistenz

Die vorrangige Aufgabe von Werkstätten für behinderte Menschen (kurz: WfbM) liegt darin, Menschen mit Behinderung bei der Teilhabe am Arbeitsleben zu unterstützen.
 
Als Schutz vor Corona durften ab März 2020 viele Mitarbeitende (Mennschen mit Behinderungen) nicht mehr in ihrer Werkstatt arbeiten.
 
Die Maßnahmen sind inzwischen gelockert. In den Werkstätten gelten nun neue Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln.

Freiwilligendienst in Zeiten von Corona: Michelle Pokriefke


Ich habe mein FSJ am 1. August 2019 angefangen, anfangs war ich ängstlich und eher introvertiert.  Ich hatte Angst vor dem, was vielleicht auf mich zukommt. 
Schnell habe ich mich hier sehr gut eingearbeitet, natürlich nicht alleine, sondern mithilfe meiner Praxisanleitung und meiner Vorgesetzten.  Alle haben mich akzeptiert und sich auch sehr schnell an mich gewöhnt. Ein Kollege hat mich bei meinen Aufgaben angeleitet. 

Michelle mit ihrer Schwester

Letztes Karneval vor Corona - hier im Ruhebereich der Werkstatt am Tippweg 

Ich habe in dieser Zeit viele schöne Sachen mitmachen dürfen wie die Weihnachtsfeierlichkeiten oder die Karnevalsfeier und dabei das Strahlen der Menschen sehen dürfen. 

Ich hatte auch die Chance, das Event mit zu erleben. Ein Event nur für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Werkstätten. Ein Event unter dem Motto „Music and Emotions“. Dieses Motto hat mich die ganze Zeit begleitet. Denn danach ist einiges passiert.

Menschen an Arbeitstischen, zum Teil im Gespräch

Vor Corona: Blick in die Produktionsstätte einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen

Kreis Heinsberg

Im Februar hat „Corona-Virus/Covid-19“ seinen Lauf genommen. Und die Folgen haben auch mich und die Werkstatt nicht verschont.

Meine Kollegen und ich haben uns lange vorher immer wieder über die Situation in China informiert. Dann traten die ersten Fälle in Deutschland auf, zunächst nur Erkrankungen in Bayern, die man relativ schnell wieder unter Kontrolle bringen konnte.

Nach Karneval dann kam die Nachricht: „Ein Ehepaar aus dem Kreis Heinsberg mit Corona infiziert.“ Aus einem Paar wurden dann zwei Paare, ganze Familien, verteilt in Deutschland.

Vor allem die Zahlen im Kreis Heinsberg sind rasant angestiegen. Und parallel dazu auch die Sorge hier auf der Arbeit. Warum? Der Kreis Heinsberg ist nicht sehr weit entfernt von Mönchengladbach entfernt. Ich komme selbst aus dem Kreis Heinsberg und viele meiner Kollegen auch. Bringen wir das Virus in die Werkstatt? Werden unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt wegen uns krank?
 

Eingang zur Hephata-Werkstatt am Tippweg

Schließung der Werkstätten

Dann kam die offizielle Schließung der Werkstätten von Hephata, und von heute auf morgen blieben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause. Auf uns kamen damit völlig neue Aufgaben zu.

Viele meiner Kollegen wurden auf die Wohnhäuser aufgeteilt, zur Unterstützung. Es war unklar, wer noch alles hier in der Werkstatt bleiben würde. Wöchentlich gingen mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen in den Außendienst. Nur noch ich und ein paar wenige andere blieben hier.  

Und was nun? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben zuhause, sie können länger schlafen, müssen in der Wohngruppe oder der eigenen Wohnung essen und sich alleine beschäftigen. Ab und zu ist auch mal ein kurzer Spaziergang dabei.

Irgendwann gab es dann auch in Mönchengladbach die ersten Infizierten. Alle haben sich gefragt, wie es hier weitergehen soll. Die große Frage war: Dürfen die Angestellten aus dem Kreis Heinsberg noch arbeiten oder sind wir ein „höheres“ Risiko für die anderen Kollegen? Nach den Pressekonferenzen der Bundeskanzlerin und langem Überlegen wurde entschieden, dass wir weiterarbeiten dürfen.
 

Arbeitstische mit Trennwänden

Die Trennwände stehen schon: Leere Arbeitsplätze in der Corona-Zeit

Leere Werkstätten

Viele Wochen sind so vergangen: Man kommt aus Gewohnheit her und findet eine immer noch leere Werkstatt vor.

Das war für mich eine sehr belastende Situation. Man gewöhnt sich nicht daran, dass es leer ist. Man vermisst die anderen Kollegen, die nicht hier sind. Gleichzeitig lernt man aber auch neue Kolleginnen und Kollegen kennen. Menschen, mit denen ich anfangs nicht so viel zu tun hatte. Und mit der Zeit wächst man tatsächlich mit den Kollegen hier zusammen.

Zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben wir telefonisch Kontakt gehalten. Manche von ihnen hatten zuvor nie telefoniert und sich sehr über den telefonischen Kontakt gefreut. 

Wir haben ein Konzept ausgearbeitet, damit unsere Mitarbeiter auch zu Hause arbeiten können und den Spaß daran behalten.

Einmal in der Woche fahren zwei Kollegen durch Mönchengladbach und verteilen Stopfen und Schrauben an die Mitarbeiter in den Wohnheimen. So kann gewährleistet werden, dass die Mitarbeiter weiterhin ihr Geld verdienen, sie den Spaß an der Arbeit nicht verlieren und auch die gewohnte Beschäftigung haben. Außerdem konnten so Aufträge bearbeitet werden. Schließlich werden aus den Einkünften zu einem Teil die Löhne der Mitarbeiter gezahlt.
 

Ich empfand es als großes Vertrauen und auch eine große Verantwortung, zwischendurch alleine zu bleiben, mich um die Dokumentation der Materialauslieferung zu kümmern und Telefonate mit den verschiedenen Wohnhäusern zu führen.

Nach einigen Wochen hatten wir hier in der Werkstatt  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Notbetreuung. Einige hatten unter der ganzen Situation sehr gelitten, sind vereinsamt durch fehlende Sozialkontakte. Um diesen Menschen Sicherheit und Struktur zu geben, sind sie zurück in die Werkstatt gekommen. Mit strahlenden Augen und einem Lächeln im Gesicht.

Flur, Kiosk, Wegmarkierungen wegen Corona

Wieder Kundschaft: Kiosk in der Betriebsstätte am Tippweg

Der ersehnte Tag

Die Situation um das Virus ist mittlerweile abgeflacht. Viele Einrichtungen haben nach und nach wieder geöffnet, auch die Schulen oder Kitas. 

Nach vielen Telefonaten mit den Wohnheimen und einer Menge Organisation kam auch für uns der ersehnte Tag. Unsere Werkstatt konnte in Teilen wieder geöffnet werden. Die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durften zurück zur Arbeit. In dem vorgeschriebenen Verhältnis von Personen und Quadratmeterzahl pro Raum, mit Mundschutz, Abstand und ohne Körperkontakt.

Bevor aber eine Teilöffnung stattfinden konnte, musste vieles beachtet werden. Die Kollegen sind kreativ geworden und haben sich dann zusammen als Team ein gutes Konzept überlegt. Da wir in der Werkstatt viele Menschen mit Vorerkrankungen aus Risikogruppen, aber auch mit Sorgen und Ängsten haben, musste zunächst entschieden werden, wer zurückkommen darf und wer noch nicht.

Außerdem musste ein Hygienekonzept erarbeitet werden. So gibt es jetzt eine Einbahnstraßenregelung, damit sich die Mitarbeiter nicht zu nah kommen. Zusätzlich haben wir weitere Waschbecken angebracht, Folienwände auf der Treppe und den Arbeitstischen aufgestellt und die Arbeitstische mit genügend Abstand umgestellt. Zwischenzeitlich haben wir neben der Produktion und der Dokumentation auch eine große Menge an Stoffmasken selbst genäht. So sollte sichergestellt werden, dass die Masken stets hygienisch einwandfrei sind. Diese werden täglich frisch gewaschen ausgegeben, zum Feierabend wieder eingesammelt, gewaschen, gebügelt und hygienisch verpackt.

Portrait

Michelle macht jetzt eine Ausbildung als Tierarzthelferin. Die Erfahrungen aus dem Freiwilligendienst erleichtern den Start in der neuen Welt. 

Abschied

Viel ist hier passiert in dem Jahr, aber ich war mit meinen Sorgen und Bedenken nie alleine.
Hier wurde alles zusammen durchgestanden, gemeinsam im Team. Außerdem haben sich alle immer sehr gefreut, wenn die Kollegen aus den Wohnheimen zu Besuch kamen. Es war schön, jene wiederzusehen, die man schon seit acht Wochen nicht gesehen hat.

Nun hatte ich am 31. Juli 2020 meinen letzten Arbeitstag in der Werkstatt. „Music and Emotions“ sind zu Ende. Vor einigen Tagen hat meine Ausbildung zur tiermedizinischen Fachangestellten begonnen. 

In dem Jahr habe ich eine Menge erlebt, viele Emotionen gehabt, die man wahrscheinlich in einem „normalen“ Jahr des freiwilligen Dienstes nicht unbedingt erlebt. Angst, Bedenken, Sorgen, Stress, aber gleichzeitig auch Freude, Neugierde und ein gutes Gefühl von Erschöpfung. 

In dem vergangenen Jahr habe ich mich oft zusammen mit den Menschen gefreut. Wir haben oft zusammen gelacht, Spaß gehabt und viel miteinander erlebt. Dazu gehörte auch die eine oder andere Träne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.  Wir sind nun mal alle nur Menschen und haben alle das Recht, unsere Emotionen zu zeigen.

Viele Dinge sind passiert, über die ich abends zu Hause nachgedacht habe, wenn ich den Tag Revue passieren ließ: Ein epileptischer Anfall, ein Sturz vom Stuhl, Streitereien untereinander oder auch einfach die Physio-Stunde, wo ein Klient mich immer dabeihaben wollte. Jeder dieser Menschen in der Gruppe hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert und manchmal auch eine Menge Geduld gefordert. 

Text: Michelle Pokriefke
Fotos: evangelische Stiftung Hephata
Foto zur "Werkstatt vor Corona": Wilhelm Stein