2. Juni 2016

Freiwillige berichten

Gute Erfahrungen fürs Leben

Rund 1.800 Freiwillige engagieren sich bei der Diakonie RWL in Kliniken, Kitas, der Altenpflege oder Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Behinderung. Für viele geht der Einsatz jetzt nach einem Jahr zu Ende. Mit einem Festakt bedankt sich die Diakonie RWL am Freitag bei ihnen. Für die Freiwilligen ist es auch eine gute Möglichkeit, Bilanz zu ziehen.

Sieben Freiwillige erzählen, warum sie sich für ein FSJ entschieden haben, was besonders beeindruckend war und wie es für sie weitergeht. Die Interviews führte Laura Fausten.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir die Arbeit im sozialen Bereich so viel Spaß machen würde.“ (Tilmann, 22)

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Obwohl er anfangs etwas ganz anderes ausüben wollte, ist er froh, den Schritt in den sozialen Bereich gewagt zu haben.

Warum hast Du Dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden?

Nach der Schule war ich mir nicht sicher, ob ich ein Studium oder eine Ausbildung beginnen soll. Ich habe mich für das Studium des Verpackungsdesigns beworben und keinen Platz bekommen. Als Überbrückung und um heraus zu finden, wie es ist, im sozialen Bereich zu arbeiten, bewarb ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Darauf aufmerksam wurde ich durch eine Bekannte, die in einer Schule in Ratingen arbeitet. Das freiwillige soziale Jahr mache ich für ein Jahr in einer Förderschule in Ratingen. Ich betreute einen Autisten auf seinem Weg zum Hauptschulabschluss und bei Bedarf noch einen weiteren Schüler.

Welches Erlebnis war für Dich bisher so eindrücklich, dass es Dir in Erinnerung bleiben wird?

Auf meine Seminartruppe freue ich mich bei jedem Seminar.
Vor dem FSJ hatte ich keinerlei Berührungen mit behinderten Menschen, nur an zwei Hospitationstagen konnte ich in den Arbeitsalltag schnuppern. Das Arbeiten mit geistig behinderten Kindern macht mir viel Spaß. Auf einer Snowboardfreizeit mit den Kindern und weiteren Betreuern habe ich gemerkt, dass eine 24-Stunden-Betreuung der geistig behinderten Kinder etwas ganz anderes ist als die schulische Betreuung.

Wie soll es nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr weitergehen?

Wenn mein FSJ beendet ist, möchte ich auf jeden Fall in der sozialen Schiene arbeiten. Ich konnte bisher sehr viele Erfahrungen im Arbeitsalltag sammeln und meine Persönlichkeit hat sich weiter geformt. Ich würde sagen, ich bin erwachsener geworden, da ich jetzt nicht nur für mich, sondern auch für meine Klienten Verantwortung übernehme. Außerdem hilft mir die klare Tagesstruktur, mich selbst zu organisieren.

„Dass ich in den sozialen Bereich möchte, war schon vor dem Freiwilligen Sozialen Jahr klar. Das FSJ hat meine Entscheidung noch einmal gefestigt.“ (Sophia, 17)

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Die Arbeit mit Kindern und vor allem mit Kindern, die den Alltag ganz anders als wir wahrnehmen, ist für Sophia eine spannende Herausforderung.

Warum hast Du Dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden?

Ich habe die Schulform gewechselt und muss für ein halbes Jahr die Zeit überbrücken. Deshalb habe ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten entschieden. Ich arbeite in einer integrativen Kindergartengruppe für Gehörlose und Schwerhörige, in der ich zuvor schon ein Praktikum gemacht hatte. Ich finde es spannend, mit Kindern zu arbeiten, die unseren Alltag komplett anders erleben.

Welches Erlebnis war für Dich bisher so eindrücklich, dass es Dir in Erinnerung bleiben wird?

Erfolgserlebnisse gibt es eigentlich jeden Tag. Ein großer Erfolg war für mich, dass ich einem Kind, welches nur einseitig hören kann, das Wort „Schokolade“ beigebracht habe. Die Eltern des Kindes sind beide gehörlos, weshalb das Kind nur im Kindergarten und im Umgang mit anderen, nicht gehörlosen Familienmitgliedern sprechen kann. Der kleine Junge liebt Schokolade. Daher habe ich mir vorgenommen, ihm das Wort beizubringen. Wir haben viel geübt und als er dann an einem Tag zu mir kam und sagte „Sophia, ich möchte Schokolade“, da war ich schon stolz, dass er dieses lange Wort mit mir zusammen gelernt hatte.

Wie soll es nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr weitergehen?

Ich mache nach dem FSJ mein Abitur in einem Sozial/Gesundheitlichen Zweig. Wenn ich das hinter mir habe, möchte ich gerne studieren. Das FSJ hat mich in meiner Entscheidung gefestigt und ich habe eine große Entwicklung meiner Persönlichkeit festgestellt. In stressigen Situationen bin ich ruhiger geworden und lasse mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen.

„Die deutsche Sprache gefällt mir schon lange. Die Mentalität der Deutschen habe ich durch mein Jahr als Au-Pair in Deutschland lieben gelernt. Und jetzt weiß ich, dass ich gerne im sozialen Bereich arbeiten möchte.“ (Rita, 25)

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Rita kommt aus Brasilien und macht nach ihrem Aufenthalt als Au-Pair ein freiwilliges soziales Jahr in Deutschland.

Warum hast Du Dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden?

In Brasilien habe ich Deutsch studiert. Als Au-Pair bin ich nach Deutschland gekommen, um meine Sprache zu verbessern während meines Aufenthaltes. Dann habe ich aber gemerkt, dass mir nicht nur die Sprache, sondern auch die Mentalität der Deutschen sehr gut gefällt. Ich liebe Herausforderungen und finde die Arbeit im sozialen Bereich sehr interessant, weshalb ich mich entschieden habe, ein weiteres Jahr hier zu bleiben und ein Freiwilliges Soziales Jahr zu leisten.
Ich arbeite seit fünf Monaten in einer Förderschule für geistig- und körperlich behinderte Kinder in Düsseldorf.

Welches Erlebnis war für Dich bisher so eindrücklich, dass es Dir in Erinnerung bleiben wird?

Mich hat es sehr gefreut, zu erleben, dass auch Ausländern eine Chance gegeben wird. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich so einfach ein FSJ absolvieren darf, da mein Deutsch zwar gut, aber noch nicht perfekt ist. Die Seminargruppe gefällt mir echt gut, weil ich hier andere Leute kennen lernen und mit ihnen Erfahrungen austauschen kann.
In meiner Einsatzstelle betreue ich einen 15-jährigen Jungen mit Down Syndrom. Anfangs hatte ich ein paar Bedenken, ob ich gut damit klar komme, einem behinderten Menschen zu helfen. Ich hatte keinerlei Erfahrungen. Jetzt bin ich selbst überrascht und glücklich, dass ich so gut mit der Situation zurechtkomme.

Wie soll es nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr weitergehen?

Ich habe mich noch nicht entschieden, wie es weitergehen soll. Für mich ist es ganz schwierig, weil ich erstmal überlegen muss, ob ich weiterhin in Deutschland leben oder wieder in meine Heimat gehen möchte. Ich bin ganz alleine nach Deutschland gekommen und vermisse meine Familie sehr. Aber es gefällt mir total, im sozialen Bereich zu arbeiten und es macht mehr Spaß, als ich vorher gedacht habe. Wenn ich in Deutschland bleibe, werde ich auf jeden Fall weiter in diesem Bereich arbeiten.

„Ich wollte immer Medizin studieren. Nach meinem FSJ im Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen und Suchtkranke kann ich mir gut vorstellen, in diesem Bereich zu arbeiten.“ (Alexander, 19)

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Alexander hat durch vertraute Gespräche mit Bewohnern des Wohnheims viel über deren Krankheit und Gedanken erfahren können.

Warum hast Du Dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden?

Eigentlich wollte ich nach dem Abitur Medizin zu studieren. Trotz meines guten Numerus Clausus habe ich keinen Platz bekommen und mich dann für ein FSJ entschieden, um die Zeit bis zum Studium sinnvoll zu überbrücken und neue Erfahrungen zu sammeln. Soziale Berufe haben mich schon immer interessiert, weshalb ich mein FSJ in einem Wohnheim für psychisch erkrankte Menschen und Suchtkranke absolviere.

Welches Erlebnis war für Dich bisher so eindrücklich, dass es Dir in Erinnerung bleiben wird?

Ich sollte eine ältere Dame zu einem MRT-Termin begleiten. Bei der Untersuchung hat sich herausgestellt, dass die Dame sofort ins Krankenhaus gebracht werden sollte. Da ich mit ihr vor Ort war, habe ich sie im Krankentransporter ins Krankenhaus begleitet und dort hat sie sich mir gegenüber sehr geöffnet. Die Frau leidet an Paranoider Schizophrenie und hat mir erzählt, von wem sie sich verfolgt fühlt und wer ihr Angst macht. Nach dieser Unterhaltung habe ich erst so richtig verstanden, was für einer dauerhaften Belastung jemand ausgesetzt ist, der an einer psychischen Erkrankung leidet.

Wie soll es nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr weitergehen?

Auf jeden Fall möchte ich nach meinem freiwilligen sozialen Jahr studieren. Ob es in Richtung Medizin, soziale Arbeit, Psychologie oder auch Lehramt gehen wird, weiß ich noch nicht. Ich möchte definitiv einen Job mit viel Kontakt zu Menschen.
Die Gespräche mit Kollegen sind immer sehr interessant, aber auch die Unterhaltungen mit den Bewohnern haben mir viele neue Erkenntnisse gebracht.  Die Seminare gefallen mir sehr gut, da es einen Austausch mit anderen Freiwilligen gibt und man oft sieht, dass die Anderen ähnliche Erfahrungen machen.

„Bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr gibt es so viel zu erleben. Dazu gehören natürlich auch schlechte Erfahrungen. Über die kann ich aber hinweg sehen, weil sie mich stark gemacht haben.“ (Sophie, 18)

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Sophie arbeitet in einer Grundschule und betreut einen blinden Jungen aus Syrien, der sich nun einleben und die deutsche Sprache lernen soll.

Warum hast Du Dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden?

Durch meine Mutter habe ich von einem freiwilligen sozialen Jahr erfahren. Ich habe mich informiert und letztendlich einen Platz in einer Grundschule gefunden. Anfangs habe ich ein autistisches Kind betreut, das dann aber die Schule gewechselt hat.
Nun betreue ich ein syrisches Flüchtlingskind, das blind ist und noch kein bisschen die deutsche Sprache kann.
Die Arbeit mit Kindern hat mir schon in meinen Praktika viel Spaß gemacht und ich wollte den Kontakt zu beeinträchtigten Menschen lernen, den man im normalen Alltag eher nicht hat.

Welches Erlebnis war für Dich bisher so eindrücklich, dass es Dir in Erinnerung bleiben wird?

Da gibt es kein einzelnes Erlebnis. Ich habe bisher so viele Dinge erlebt und gesehen, dass ich mich nicht entscheiden könnte, was davon besonders eindrücklich war. Die Seminare sind immer sehr abwechslungsreich und spannend, ich habe viele nette Leute kennengelernt und das Lächeln der Kinder ist immer etwas Tolles. Leider habe ich aber auch schon schlechte Erfahrungen machen müssen. Es gab vereinzelt Kinder, die um sich getreten, geschlagen und gespuckt haben. Solche Momente sind weniger schön, aber das sind Erfahrungen, die ich trotzdem nicht missen möchte.

Wie soll es nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr weitergehen?

Im Sommer fange ich eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement an. Das ist zwar ein ganz anderer Bereich, aber ich denke, dass die Arbeit im Büro auch eine meiner Stärken ist, nicht nur die Arbeit mit Kindern. Ich freue mich schon sehr auf meine Ausbildung und würde ein FSJ immer weiter empfehlen, da man sehr viel über sich selbst und den Kontakt zu anderen Menschen lernt.

„Ich denke, dass viele Menschen eine gewisse Distanz gegenüber behinderten Menschen hat. Als persönliche Herausforderung wollte ich mich dieser Distanz stellen.“ (Noel, 17)

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Noel macht ein freiwilliges soziales Jahr im Herrmann-Giese Haus und betreut Menschen mit geistiger Behinderung.

Warum hast Du Dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden?

Ich habe mich für ein FSJ im Behindertenheim entschieden, um mich beruflich zu orientieren und den Umgang mit Menschen mit Behinderung zu lernen. Viele Menschen haben eine gewisse innere Distanz gegenüber behinderten Menschen, glaube ich, und diese möchte ich gerne durch meine Arbeit mit behinderten Menschen beheben. Für 12 Monate arbeite ich im Herrmann-Giese-Haus, in dem Menschen mit geistiger Behinderung wohnen und betreut werden.

Welche Erfahrung war für Dich bisher besonders interessant?

Anfangs fiel es mir schwer, auf die Menschen meiner Einrichtung einzugehen, da das Durchschnittsalter bei 50 Jahren liegt. Der Alltag ist klar strukturiert, manche brauchen gleichbleibende Routinen und sind auf unsere Hilfe angewiesen. Oft habe ich das Gefühl, dass sie über Dinge ganz anders denken als ich. Die anfänglichen Distanzen waren erstaunlicherweise schneller als ich gucken konnte überwunden und jetzt kann man sagen, dass ich mit jedem so gut es geht ein super Verhältnis pflege. Außerdem habe ich gelernt, dass ein Mensch mit Handicap genau so viel Wertschätzung erfahren sollte wie ein Mensch, der kein Handicap hat und ein normales Leben führt.

Wie soll es nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr weitergehen?

Ich werde einen Beruf fernab vom sozialen Bereich ausführen, aber ich bin sehr glücklich über meine berufliche Erfahrung dort und gehe davon aus, dass es mir viel fürs weitere Leben und meinen generellen Umgang mit Menschen bringen wird. Meine anfänglichen Bedenken, dass mir der Umgang mit Menschen mit Handicap schwer fallen würde, haben sich nicht bewahrheitet. Ich bin viel offener geworden.

„Das Freiwillige Soziale Jahr hat mir gezeigt, dass dieser Job der richtige für mich ist.“ (Martin, 18)

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Martin absolviert sein FSJ in einem Krankenhaus und hat auch schon weniger schöne Dinge erlebt. Doch auch die halten ihn nicht davon ab, eine Ausbildung in diesem Bereich zu machen. „Der Tod gehört zum Leben dazu, er ist etwas ganz natürliches.“

Warum hast Du Dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden?

Ich wollte einen Eindruck in den Beruf des Krankenpflegers bekommen, da ich gerne eine Ausbildung in diesem Bereich machen möchte. Seit sechs Monaten arbeite ich in der Urologie eines Krankenhauses in Essen. Die Hälfte habe ich jetzt hinter mir und ich bin gespannt, was mich in den nächsten sechs Monaten noch erwartet.

Welches Erlebnis war für Dich bisher so eindrücklich, dass es Dir in Erinnerung bleiben wird?

Als ich ein Zimmer betrat, lag der Patient regungslos in seinem Bett. Er war  gestorben und ich habe ihn als Erster so gefunden. Das war kein schöner Anblick, aber das gehört eben dazu. Auch Geschlechtsumwandlungen sind in der Urologie nicht selten.

Wie soll es nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr weitergehen?

Nach meinem FSJ will ich auf jeden Fall eine Ausbildung als Krankenpfleger machen, weil mir das FSJ gezeigt hat, dass dieser Job genau so ist, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Bisher habe ich allerdings noch keinen Ausbildungsplatz.