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13. November 2017

Flüchtlinge im Freiwilligendienst

Die deutsche Kultur verstehen, einen Job finden, eine sichere Zukunft aufbauen – Das erhoffen sich viele Flüchtlinge, die bei der Diakonie RWL einen Freiwilligendienst machen. Mit großem Engagement, aber auch mancher Unsicherheit arbeiten sie in Altenheimen, Kliniken oder Beratungsstellen. Ihre Erfahrungen, Ängste und Wünsche haben sie jetzt in einer Text- und Videowerkstatt auf den Punkt gebracht.

Flüchtlinge schreiben Stichworte auf kleine Karten
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Rund 20 Flüchtlinge machen im Moment einen Freiwilligendienst in diakonischen Einrichtungen in RWL. Sie nehmen am regulären Bildungsprogramm teil. Doch einmal im Jahr kommen sie in einem speziellen Seminar für geflüchtete Menschen zusammen, das jetzt in Solingen stattfand. An den drei Bildungstagen konnten sie sich über ihre besondere Situation auszutauschen und von Zukunftsplänen und Zukunftsängsten erzählen. Und sie lernen, ihre Fähigkeiten selbstbewusster wahrzunehmen und mehr davon zu zeigen.

Im Seminar gab es die zusätzliche Möglichkeit, das auch in einer Text- und Videowerkstatt zu tun. Zu den Freiwilligen, die mit Stift und Kamera einen Einblick in ihre Begabungen und Zukunftswünsche gaben, gehörten Feriel, Ahmed, Souzan und Yosef. Sie alle hoffen auf eine gesicherte Zukunft in einem sicheren Land. Und auf einen Job - in der Pflege oder einem anderen sozialen Bereich. 

Feriel: Von der Buchhalterin zur Altenpflegerin

Feriel (32) wünscht sich für ihre Zukunft einen Job in der Altenpflege. Ihren Freiwilligendienst macht sie in einem diakonischen Altenheim in Paderborn. In ihrer algerischen Heimat hatte sie als Buchhalterin in einer Bank gearbeitet, "an einer Stelle mit nur wenig Kundenkontakt", wie sie sich erinnert. Das war ihr zu einsam. Deshalb, und um noch dazu zu verdienen, hatte sie nach Dienstschluss oft noch als Taxifahrerin für Frauen, Mädchen und Kinder gearbeitet.

 "Dabei habe ich viele unterschiedliche Menschen kennengelernt und habe gemerkt, dass ich leicht Kontakt zu Menschen finde." Das erlebt sie auch im Altenheim, wenn sie sich um alte Menschen mit und ohne Demenz kümmert. Als Buchhalterin in der Bank wurde ihr beigebracht, sehr genau zu sein. "Deshalb darf ich sogar schon bei der Dokumentation mithelfen", erzählt sie stolz. 

Ahmed: Vom Schneider zum Krankenpfleger

Ahmed (23) hofft, hier eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen zu können. Den erforderlichen Schulabschluss dafür bringt er mit. Er hat sogar Abitur und kann das zum Glück nachweisen, was nicht allen Flüchtlingen aus Syrien gelingt. Die Schulferien hatte er oft mit dem Nähen von Kleidung verbracht. "Damit hatte ich schon als Kind Geld dazu verdient", erzählt Ahmed. In Syrien gibt es im Sommer drei Monate Ferien, das lohnte sich. 

Nach dem Abitur hatte er in Aleppo als Schneider gearbeitet. Da kam es darauf an, freundlich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden einzugehen. In seinem Freiwilligendienst im Diakonie-Krankenhaus in Siegen kann er das zeigen. Der Kontakt zu den Patientinnen und Patienten fällt ihm leicht und viele sprechen ihn bei kleinen Hilfebedarfen an. Und noch etwas hat er als Schneider gelernt: "In der Krankenpflege ist es wichtig, geschickt zu sein", sagt Ahmed. Wie beim Nähen von Kleidung. 

Souzan: Von der Lehrerin zur Flüchtlingsberaterin

Souzan (39) möchte soziale Arbeit studieren, um später als ausgebildete Fachkraft mit Geflüchteten arbeiten zu können. "Ich möchte Menschen helfen, die so sind wie ich" - als Flüchtling in Deutschland, mit vielen Fragen und vielfältigem Unterstützungsbedarf. In der diakonischen Beratungsstelle in Saarbrücken hilft sie Flüchtlingen bei Übersetzungen oder dem Ausfüllen von Formularen.

Souzan lebt mit ihrem Mann und ihrer 10-jährigen Tochter in Saarbrücken. Gern möchte sie für sich und ihre Familie eine Zukunft in Deutschland aufbauen. Vor ihrer Flucht aus Syrien war sie Lehrerin.

Yosef: Vom OP-Pfleger zum Medizinstudenten

Yosef (29) hofft, hier in Deutschland eine neue Ausbildung als Krankenpfleger machen zu können. Er hatte seine Ausbildung zum Krankenpfleger schon fast beendet, als er aus Syrien fliehen musste. "Zuletzt hatte ich in der Notaufnahme und im OP gearbeitet", erzählt Yosef. Dort durfte er schon alles tun, was in der Pflege anfällt und sogar manches, was hier in Deutschland Ärzten vorbehalten ist. 

"Ich habe so einen guten Überblick über alle Aufgaben in der Notaufnahme gewonnen", stellt Yosef fest. Jetzt macht er einen Freiwilligendienst im OP-Bereich des Diakonie-Krankenhauses in Siegen. "Hier lerne ich, dass ich selbst bei einfachen Aufgaben besser zwanzig Mal frage, als einen Fehler zu machen“, erzählt er. Später würde er am liebsten noch Medizin studieren.

Text und Videos: Christian Carls